Bipperlisi – woher stammt der Name?

Auf Spurensuche mit der Mundartsendung «Schnabelweid»

Was ist das «Bipperlisi»?

Ursprünglich war damit die Solothurn-Niederbipp-Bahn (SNB) gemeint, die am 9. Januar 1918 eröffnet wurde und vom Baseltor in Solothurn bis ins bernische Bipperamt, nach Niederbipp, führte. 1925 wurde die Strecke verlängert vom Baseltor bis zur heutigen Start-/Endstation auf dem Bahnhofplatz in Solothurn. Formal blieb die SNB bis 1999 unabhängig. Seither ist sie zusammen mit anderen Regionalbahnen zur «Aare Seeland mobil» zusammengeschlossen. Seit jüngerer Zeit wird auch die Verlängerung der Linie nach Langenthal «Bipperlisi» genannt. Der Name ist zwar informell, aber längst so etabliert, dass er sich selbst in offiziellen Polizeimeldungen findet.

Wie alt ist der Name «Bipperlisi»?

Das Alter des Namens «Bipperlisi» lässt sich nicht genau eruieren, da keine schriftlichen Belege aus der Entstehungsheit vorliegen. Ganz sicher bezieht sich der Name aber ursprünglich nur auf die Strecke Solothurn-Niederbipp. Die mündliche Tradition, also die Erinnerung älterer Leute (Nach- und Umfrage von Martin Ruckstuhl), deutet darauf hin, dass die Bezeichnung mindestens seit den 70er Jahren in Gebrauch ist. Die Schnitzelbankgruppe «Ambassadore-Bäse» bringt jährlich einen Schnitzelbank zum Bipperlisi - und diese Gruppe existiert seit 1948 (was allerdings nicht heisst, dass auch der entsprechende «Bipperlisi»-Vers so alt ist). Diese Angaben sind sehr vage, lassen aber die Vermutung zu, dass die Bahn ihren Übernamen schon so lange trägt, wie sich heute betagte Leute zu erinnern vermögen, d.h. möglicherweise seit den 30er/40er Jahren. Ob der Name bereits kurz nach der Gründung, in den 20er Jahren, aufkam, lässt sich ohne Quellenbelege nicht beweisen. Solche Quellenbelege wären allenfalls im Staatsarchiv Solothurn zu finden.

Was bedeutet der Name «Bipperlisi»?

Für die Deutung des Namens ist das genaue Alter nicht so entscheidend, denn er wird von Anfang an gleich wie heute gelautet haben. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sich der Name im «Volksmund» gebildet hat, was immer das genau bedeutet. Bipperlisi ist ein liebevoller, aber auch klar spöttisch gemeinter Übername. Es ist eine Zusammensetzung mit zwei Wortteilen:

Erstens das Bestimmungswort «Bipp». Damit ist die eine Zielregion der ursprünglichen Zugstrecke gemeint, das Bipperamt mit der Endstation Niederbipp. Dass im Übernamen das Wort «Bipp» vorkommt, deutet darauf hin, dass er in Solothurn entstanden ist, denn nur aus der Perspektive der Hauptstadt fährt diese Bahn nach Bipp. Aus Sicht des Bipperamts müsste die Bahn «Solothurnerlisi» heissen. Die Endung «-er» im Bestimmungwort ist ein Genitiv, der eine Zugehörigkeit bezeichnet. «S Bipperlisi» meint wörtlich dasselbe, wie wenn es «s Bipperbähnli» heissen würde, nämlich «die Bahn der Bipper» im Sinne von: Die Bahn, welche die Bipper und ihre Region an die Stadt Solothurn anbindet.

Der zweite Wortteil ist das Grundwort «Lisi». Das ist zunächst eine Kurzform des weiblichen Vornamens Elisabeth. «Lisi» wurde aber schon seit langer Zeit auch als Spottname und Übername für eine Frau gebraucht, die nicht übermässig intelligent ist. So wie «Joggeli» oder «Chlaus» für einen Mann: «So ne Joggel» (= so ein Dummkopf) oder «dasch e Tschäderlisi» (= Plaudertasche). Im gesamten deutschen Sprachraum wird «Lisi» oder «Liese» in dieser pejorativen (abwertenden) Bedeutung gebraucht. In Grimms grossem Wörterbuch steht im Artikel «Liese»: «Im nördlichen Deutschland heisst jede dumme Weibsperson eine dumme Liese.» In Schlesien gebe es die «Flennliese» (= eine weinerliche Frau) oder die «Pfennigliese» (= eine geizige Person). Das Schweizerdeutsche Wörterbuch listet noch das «Zimpferlisi» auf, eine, wie es heisst, «affektierte weibliche Person». Ausserdem wurden Namen wie «Lise», «Lisi», «Liseli» und so weiter sehr gerne auch für Haustiere gebraucht (Kuh, Pferd, Ziege). «Lisis» sind also auch Hilfskräfte, arbeitsame «Tscholis» sozusagen. In einem übertragenen Sinn kann auch eine Maschine zum «Lisi» werden, weil der Mensch dazu tendiert, die Dinge um sich herum zu «vermenschlichen», indem er Namen und menschliche Eigenschaften auf sie überträgt. Offenbar kann auch eine Regionalbahn zum «Lisi» werden. «Bipperlisi» bedeutet wörtlich «das Lisi, das nach Bipp fährt» oder «das Lisi der Bipper».

Warum hat das «Bipperlisi» seinen Namen erhalten?

Aus dem Gesagten wird klar, dass diese Frage nicht mit Sicherheit beantwortet werden kann. Es besteht aber kein Zweifel, dass mit «Lisi» der Übername für Elisabeth in den genannten übertragenen, metaphorischen Bedeutungen gemeint ist. Für solche übertragenen Bedeutungen kommen bei der SNB mehrere Motive in Frage, etwa die Grösse der Bahn, ihr Tempo oder der möglicherweise bescheidene Komfort darin - vielleicht spielten auch alle Motive zusammen. Die SNB war und ist eine Schmalspurbahn (1m Spurbreite statt 1.4m Normalspur). Sie ist auch sonst in allem kleiner und langsamer als die grossen Züge der SBB. Vergleichbare Schmalspurbahnen haben vergleichbare Bezeichnungen erhalten: Die Regionalbahn Murten-Freiburg heisst «s Murte-Glettiise», in Baselland gibt es das «Waldenburgerli» und das «Läufelfingerli». Alles Übernamen für Regionalbahnen, die es mit der SBB in Sachen Grösse und Geschwindigkeit und Bedeutung nicht ganz aufnehmen können, die irgendwo zwischen einem grossen Zug und einem Tram figurieren. Dies ist wohl der Grund, warum die SNB leicht abwertend als «Lisi» bezeichnet wurde. Im liebevoll-spöttischen Übernamen «Bipperlisi» steckt ziemlich sicher die Vorstellung eines einfachen, wenig glorreichen Alltagsgefährts, das wie eine alte Dienstmagd oder wie ein Klappergaul seinen Dienst zwar in langsamer und vielleicht holpriger Fahrt, aber brav und zuverlässig leistet.

© markus gasser | im holeeletten 32 | 4054 basel | markus.gasser@srf.ch, 19.12.2017

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